Wertschätzung ist eines dieser Worte, die wir oft verwenden und selten wirklich ausschöpfen.
Eine kleine Definition vorweg:
Wertschätzung bedeutet, den Wert eines Menschen, einer Handlung oder einer Sache anzuerkennen – ohne Bedingung, ohne Hintergedanken, ohne sofortige Gegenleistung. Sie ist das Gegenteil von Selbstverständlichkeit. Sie ist der Moment, in dem wir innehalten und sagen: Das da – das zählt.
Und doch ist Wertschätzung so viel mehr als ein nettes Wort. Sie ist eine Haltung. Eine Entscheidung. Manchmal sogar eine kleine Revolution im Alltag.
Warum fällt Wertschätzung so schwer?
Wenn Wertschätzung so schön und wichtig ist – warum schenken wir sie dann so selten? Warum fällt es uns leichter, zu kritisieren als anzuerkennen?
Die Antwort ist vielschichtig:
1. Die innere Selbstverständlichkeit
Wir nehmen vieles als gegeben hin. Dass der Partner jeden Tag kocht. Dass die Kollegin immer zuverlässig ist. Dass die eigene Mutter zuhört – schon immer. Je länger etwas da ist, desto unsichtbarer wird es. Wertschätzung braucht aber Sichtbarkeit.
2. Die Angst vor Schwäche
Manche Menschen denken: Wenn ich anderen zeige, wie sehr ich sie schätze, mache mich das angreifbar. Oder: Dann erwarten sie noch mehr Lob. Diese Angst ist verbreitet – und meist unbegründet.
3. Der Fokus auf Defizite
Unsere Gesellschaft ist stark auf Verbesserung, Optimierung und Fehlerkorrektur ausgerichtet. Was läuft gut? Das ist die Basis. Was kann besser werden? Das ist die Frage, die wir uns ständig stellen. Dadurch gerät das Gute aus dem Blick.
4. Wertschätzung braucht Achtsamkeit
Im hektischen Alltag vergessen wir hinzuschauen. Wertschätzung ist nicht laut. Sie drängelt nicht. Sie muss bewusst wahrgenommen werden – und das ist anstrengend, wenn der Kopf voll ist.
Was passiert, wenn Wertschätzung fehlt?
Das Fehlen von Wertschätzung ist kein neutraler Zustand. Es ist aktive Leere.
In Beziehungen führt fehlende Wertschätzung zu Distanz, zu Groll, zu dem Gefühl: „Egal, was ich tue – es reicht nicht.“ Am Arbeitsplatz entsteht Frustration, innere Kündigung, emotionale Erschöpfung. Und in der Gesellschaft? Da entsteht das Gefühl, unsichtbar zu sein. Nicht anzukommen. Nicht dazuzugehören.
Wertschätzung als psychologische Ressource
Als Psychotherapeut erlebe ich, wie heilsam echte Wertschätzung wirken kann. Sie ist kein weiches Gefühl – sie hat handfeste psychologische Effekte:
· Stärkung des Selbstwertgefühls: Wer wertgeschätzt wird, spürt: Ich bin okay, so wie ich bin.
· Stressreduktion: Wertschätzung senkt Cortisol – das Hormon, das bei chronischem Überlastung entsteht.
· Bindungsaufbau: Wertschätzung ist der Kleber von Beziehungen. Ohne sie bröckelt alles.
· Resilienzförderung: Wer Wertschätzung erfährt, hält Rückschläge besser aus – weil ein inneres Fundament da ist.
In der Therapie begleite ich Menschen manchmal dabei, nicht nur Wertschätzung zu empfangen – sondern auch zu geben. Und zwar sich selbst gegenüber.
Die vergessene Form: Selbstwertschätzung
Wir sprechen viel über Wertschätzung von anderen. Aber wie steht es mit der Wertschätzung für uns selbst?
Selbstwertschätzung bedeutet nicht, sich auf die Schulter zu klopfen, während man stillsteht. Sie bedeutet, die eigenen Fortschritte zu sehen – auch die kleinen. Sie bedeutet, freundlich mit sich zu sein, wenn etwas nicht gelingt. Und sie bedeutet, sich nicht mit anderen zu vergleichen.
Viele Menschen haben genau damit Schwierigkeiten. Sie sind streng mit sich, gnadenlos im Urteil über das eigene Versagen – und gleichzeitig großzügig im Verzeihen gegenüber anderen.
Stellen Sie sich vor, Sie würden mit sich selbst so sprechen wie mit einem guten Freund. Was würde sich ändern?
Genau darum geht es in der Therapie: Eine innere Haltung zu entwickeln, die nicht von Leistung abhängt – sondern von dem einfachen Fakt, dass Sie als Mensch wertvoll sind.
Wertschätzung in der Gesellschaft – ein wechselseitiger Prozess
Wertschätzung ist keine Einbahnstraße. Sie kann nicht nur von unten nach oben fließen, nicht nur von Einheimischen zu Zugewanderten, nicht nur von Chefs zu Mitarbeitenden.
Eine wertschätzende Gesellschaft zeichnet sich dadurch aus, dass sie:
· unterschiedliche Lebenswege anerkennt, ohne sie sofort zu bewerten,
· Menschen nicht auf ihre Herkunft, ihren Beruf oder ihre Fehler reduziert,
· Räume schafft, in denen Ankommen möglich wird – ohne Druck, ohne ständige Rechtfertigung,
· und die leisen, alltäglichen Leistungen sieht: das freundliche Lächeln an der Kasse, das zuhörende Schweigen, die Hilfe, die niemand bemerkt.
Als Psychotherapeut sehe ich meine Aufgabe auch darin, diese gesellschaftliche Dimension nicht zu vergessen. Denn viele meiner Klient:innen leiden nicht unter ihrer eigenen Unzulänglichkeit – sondern unter einem Umfeld, das sie nicht wertschätzt.
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Drei einfache Wege zu mehr Wertschätzung im Alltag
Wertschätzung muss keine große Geste sein. Oft sind es die kleinen Dinge, die den Unterschied machen.
1. Das bewusste Innehalten
Einmal am Tag kurz stoppen und fragen: Wofür bin ich heute dankbar? Wen schätze ich gerade – habe ich es ihnen gesagt?
2. Die konkrete statt der allgemeinen Anerkennung
Nicht sagen: „Du machst das gut.“ Sondern: „Ich fand toll, wie du heute in der Besprechung ruhig geblieben bist, als es hitzig wurde.“ Je konkreter, desto echter wirkt Wertschätzung.
3. Wertschätzung ohne Anlass
Die schönste Wertschätzung ist die, die nicht erwartet wird. Eine Nachricht „Ich denk an dich.“ Ein Kompliment für etwas, das längst selbstverständlich scheint. Ein Danke für etwas, das schon Monate her ist.
Und wenn Wertschätzung ausbleibt?
Was tun, wenn wir selbst keine Wertschätzung erfahren? Wenn wir uns abgemüht haben – und keiner sieht es?
Zuerst: Das ist schmerzhaft. Und dieser Schmerz ist berechtigt.
Aber: Wir können nicht erzwingen, dass andere uns wertschätzen. Was wir aber tun können:
· Uns selbst wertschätzen – bewusst und regelmäßig.
· Uns überlegen, ob das Umfeld vielleicht das Problem ist – nicht wir.
· Das Gespräch suchen und benennen, was uns fehlt. Manche Menschen wissen gar nicht, wie sehr ihr Schweigen verletzt.
· Und manchmal: lernen loszulassen. Nicht jede fehlende Wertschätzung ist ein persönlicher Angriff. Manche Menschen sind einfach nicht fähig dazu – aus eigener Überforderung oder Verletztheit.
In der Therapie unterstütze ich Menschen dabei, diesen schmalen Grat zu finden: nicht zu verbissen zu sein – und sich nicht alles gefallen zu lassen.
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Eine Einladung zum Schluss
Wertschätzung ist keine Zauberei. Sie ist eine Übung. Wie ein Muskel, den man trainieren kann. Und das Schöne ist: Je mehr wir sie geben, desto mehr verändert sich auch unser eigenes Empfinden.
Die Welt wird nicht von heute auf morgen wertschätzender. Aber wir können in unserem kleinen Kosmos damit beginnen.
Vielleicht heute noch. Vielleicht mit einem Satz an jemanden, der ihn längst verdient hätte. Vielleicht mit einem freundlichen Gedanken an uns selbst.
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Wenn Sie das Gefühl haben, in Ihrem Leben zu wenig Wertschätzung zu erfahren – oder Schwierigkeiten haben, sich selbst wertzuschätzen – stehe ich für ein vertrauliches Gespräch zur Verfügung. Manchmal braucht es nur einen Raum, um das eigene Wert-Sein wiederzuentdecken.
Lassen Sie mich Ihre Meinung wissen!
Erreichbarkeit
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