Kürzlich wurde ich mit einer bewegenden Geschichte konfrontiert. Eine Bekannte berichtete mir, dass sie in der U-Bahn, im Beisein ihrer Tochter, rassistisch beleidigt wurde. In diesem Moment war sie wie erstarrt – schockiert, verunsichert und von einem Gefühl der Angst überwältigt. Sie reagierte nicht. Im Nachhinein quälten sie Schuldgefühle: Sie schämte sich für ihr Schweigen und hatte das Gefühl, kein gutes Vorbild für ihre Tochter gewesen zu sein.
Ihre Frage an mich war ebenso persönlich wie herausfordernd: Wie hätte ich in dieser Situation reagiert? Was wäre die angemessene Reaktion gewesen?
Meine Antwort mag überraschen:
Ich hätte vermutlich ähnlich reagiert wie sie.
Es gibt ein bekanntes Sprichwort: „Keine Reaktion ist auch eine Reaktion.“ In manchen Momenten ist das bewusste Ignorieren einer Person, die versucht, Sie zu beleidigen, die stärkste Form der Abgrenzung. Indem wir keine Energie auf den Angriff verwenden, entziehen wir ihm die Macht. Wir zeigen: Diese Person und ihre Worte sind es nicht wert, meine innere Ruhe zu stören.
Besonders wichtig finde ich dabei den Gedanken des „Versuchs der Beleidigung“. Eine Beleidigung erreicht ihr Ziel erst dann, wenn wir ihr die erwartete Wirkung zugestehen – wenn wir verletzt, wütend oder sichtbar getroffen reagieren. Durch das Nicht-Reagieren nehmen wir dem Angreifer genau diese Genugtuung.
Gibt es also die eine, allgemeingültige angemessene Reaktion?
Meine Überzeugung ist: Nein.
Jeder Mensch, jede Situation, jedes Gefühl in solch einem Moment ist einzigartig. Die eine „richtige“ Antwort gibt es nicht. Was zählt, ist nicht die unmittelbare Handlung, sondern der Umgang damit im Nachhinein – besonders, wenn Kinder beteiligt sind.
Ich habe der Bekannte gesagt, dass sie sich nicht schämen muss. Ihr Schweigen war kein Versagen, sondern eine menschliche und nachvollziehbare Reaktion auf eine überwältigende Situation. Sie ist deshalb keine schlechte Mutter und kein schlechtes Vorbild. Wichtig ist vielmehr, im Nachgang mit der Tochter ins Gespräch zu kommen. Das Schweigen erklären. Die eigenen Gefühle benennen. Zeigen, dass man über schwierige Erlebnisse reden kann – und dass es okay ist, manchmal sprachlos zu sein.
Als Psychotherapeut möchte ich Betroffene dabei unterstützen:
· Ihre Reaktionen ohne Schuldgefühle zu verstehen und anzunehmen.
· Strategien zu entwickeln, um mit solchen belastenden Erlebnissen emotional umzugehen.
· Im geschützten Raum zu üben, wie sie in Zukunft reagieren könnten – ohne sich unter Druck zu setzen, „perfekt“ handeln zu müssen.
· Mit ihren Kindern wertschätzend über Diskriminierung, Widerstandkraft und Selbstschutz zu sprechen.
Manchmal ist Schweigen nicht Schwäche, sondern Selbstschutz. Manchmal ist die vermeintlich „fehlende“ Reaktion die, die am meisten Stärke erfordert. Und manchmal liegt die eigentliche Bewältigung nicht in der Situation selbst, sondern im Gespräch danach.
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Dieser Blogeintrag wurde inspiriert durch ein reales Erlebnis. Wenn auch Sie ähnliche Situationen erlebt haben und Unterstützung im Umgang damit brauchen, stehe ich für ein vertrauliches Gespräch zur Verfügung.
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